Ginkgo

[28. November 2018] Heute lag ein Ginkgoblatt vor der Haustüre. Es sprang mir sofort ins Auge. Und ich erinnerte mich sofort an eine ganze Ansammlung von Ginkgoblättern, die ich vor wenigen Tagen auf dem Pflaster vor meiner Arbeitsstätte sah. Ich fühlte mich sofort daran erinnert, dass der Saft und die Früchte des Ginkgo ein hohes Alter versprechen. Also dachte ich: „ihr (gemeint ist meine kranke Frau und ich) werdet gemeinsam alt werden“ – es war ganz deutlich und klar. Und dann das Blatt direkt hier vor unserer Tür. Für mich war das ein Zeichen der Führung. Doch meine Frau meinte nur: „Da ist ein Ginkgo bei den Nachbarn. Der Wind trägt die Blätter hier her.“ Sie hat das Blatt weg geworfen. Für das Foto fand ich ein weiteres vor der Tür.

Seit dem verfolgten mich Ginkgoblätter überall. Das Blatt auf dem Foto habe ich nach dem Fotografieren draußen vergessen und dann war es weg. Etwa eine Woche später fand ich ein neues Blatt vor der Balkontüre zum Schlafzimmer. Das Blatt verfolgt mich. Es kam mir so vor als wolle es unbedingt zu uns

[20. Dezember 2018] Seit Tagen suche ich ein Buch. Ich erinnere mich nur, dass es ein Buch von Paolo Coelho mit zwei Ginkgoblättern darauf war; ein grünes und ein gelbes. An den Titel erinnerte ich mich nicht mehr. Ich hatte es vor zwei Jahren in Tübingen gekauft. Ich weiß nicht mehr warum. Ich lese gerne Coelho und vielleicht sprach mich das Cover an. Ich erinnere mich noch, dass ich auf dem Weg zum Auto im Botanischen Garten zufällig zwei Ginkgoblätter gefunden habe. Ein grünes und ein gelbes schon halb verwelktes Blatt. Was für ein Zufall!
Aber solche Zufälle gibt es für mich schon lange nicht mehr. Seit dem ich von Jungs Theorie der Synchronizität gelesen habe, entdecke ich diese immer wieder in meinem Alltag. Synchronizität verbindet zwei fast identische Eindrücke oder Situationen nonkausal miteinander ohne dass sie etwas miteinander zu tun zu haben. Die einzige Verbindung ist die Deutung, die den Sinn erschließ. Und dieser ist subjektiv und gilt nur für die Person, die die Deutung kennt. Doch worin bestand hier der Sinn? Was steckte hinter diesem Zeichen außer der frappierenden Gleichheit kurz nach dem Kauf dieses Buches zwei genau gleiche Blätter wie auf dem Cover direkt vor mir auf dem Weg zu finden?
Selbstverständlich ist es kein Zufall gerade im Botanischen Garten Ginkgoblätter auf dem Weg zu finden dazu an einen grauen Herbsttag. Doch heute gewinnt dieses Ereignis eine ganz neue Dimension dieses Erlebnisses: Ich finde dieses Buch nicht mehr zu Hause, obwohl ich seit Tagen danach suche. Es kam mir in den Sinn wegen meiner Begegnung mit den Ginkgoblättern in diesen Tagen. Die zwei Blätter: das grüne (Ich habe es vor dem Haus gefunden) und das verwelkte (ich habe es oben auf dem Balkon vor dem Schlafzimmer gefunden nachdem ich eines schon wieder verlegt hatte). Doch wo ist nun das verflixte Buch? Die Synchronizität, die sich nun nach Jahren wiederholt sucht nach einer Deutung.

[20. Dezember 2018] Die Deutung stellt sich dann ebenso spontan ein wie die Synchronizität. Sie ist persönlich und subjektiv. Für mich ist es seit Tagen die Stimme, die zu mir sagt: „Ihr habt noch viele Jahre, miteinander. Ihr werdet miteinander alt, wie der Ginkgo.“ Ginkgo ist auch transpersonal ein Symbol für das Alter. Nicht nur weil der Ginkgobaum quasi ein lebendes Fossil ist – einer der ältesten Bäume der Welt. Ginkgosaft verzögert auch den Effekt der Alterung, er stärkt die Erinnerung und beugt Demenz vor.
Nun aber genug, sagt mein Verstand. Es ist nicht gut, sich in unserer Situation so lächerliche Versprechungen zu machen. Deine Spielerei mit Symbolen, Zeichen und Deutungen führt zu weit. Nur die Zeit kann Fragen beantworten. Und wie unsere beider Zukunft aussieht ist mehr als ungewiss. Doch gleichzeitig sage ich mir: wenn du das Buch mit dem Cover und den beiden getrockneten Blättern darin findest, dann kannst du gewiss sein, dass es so ist, wie du meinst.

[5. August 2019] Ich hab’s gefunden. Gerade heute. Gerade jetzt. Ich habe es gefunden als ich oben Hefte einsortieren wollte, wo ich das Buch nicht erwartet hätte. Und völlig unerwartet stoße ich auf das verlorene Buch mit den beiden Ginkgoblättern. Seit Monaten denke ich: es ist noch nicht die Zeit gekommen, das Buch zu finden. Aber nicht wir bestimmen die Zeit. Die Zeit kommt wenn es so weit ist. Und wird nun wahr, was zum Erscheinen des Buches gesagt wurde…?

Am selben Tag. Heute hat meine Frau das ganze Haus auf den Kopf gestellt. Sie will Ordnung schaffen, Dinge wegwerfen oder ausräumen. Dazu braucht sie meine Hilfe und nötigt mich zur Mitarbeit, weswegen es zu Spannungen kommt. Und genau da finde ich das Buch von Coelho mit den Ginkgoblättern. Jetzt wird alles wieder gut.

[12. Oktober 2019] Heute ist schönstes Herbstwetter. Wir sind in der Stadt beim Einkaufen. Auf dem Rückweg zum Auto sehe ich hinter dem Fluss sechs Ginkgobäume stehen. Sie leuchten herbstlich gelb im Sonnenschein. Sechs Stück. Ich sage mir: „Ist dir das genug? Sechs Jahre, reicht das?“ Ja sechs Jahre sind genug. Wenn es wenigstens sechs Jahre wären. Später werde ich nachrechnen: ja, es war genug. Meine Frau verstarb vier Jahre und drei Monate nach diesem Tag. Insgesamt lebte sie fünf Jahre nach den ersten Anzeichen ihres Rezidiv, also dem Wiederaufleben ihrer Krankheit.

[30. März 2024] Nach dem Tod meiner Frau mache ich mehrere ausführliche Reisen. Sie sind wie eine Flucht vor meiner Trauer – und wie eine Suche nach dem Verlorenen, der gemeinsam erlebten Zeit und der Flucht vor der Leere, die mir nun begegnet. Rückblickend komme ich mir dabei vor wie Odysseus der jahrelang ziellos umher segelte und scheinbar nie zuhause ankam. Eine solche Reise führte mich an Ostern über die Schweiz nach Südfrankreich. Nach mehreren Stationen in treffe ich Freunde aus Italien in Aix-en-Provence. Auf der Fahrt nach Italien machen wir einen Zwischenstopp in Fréjus. Mich erfasst dort spontan eine der unglaublichen Momente der Traurigkeit, die mich seit dem Tod meiner Frau immer wieder überfallen. Im Dom von Fréjus suche ich nach Zeichen des Trostes. Auf dem Rückweg zum Auto bemerken meine Freunde meine Betroffenheit. Ich erzähle ihnen von meinen Erlebnissen nach dem Tod meiner Frau. Plötzlich stehen wir vor einem Schaufenster eines Modegeschäftes und meiner Freundin gefällt das Kleid darin: ein Kleid mit einem schönem Muster mit Ginkgoblättern. Ich spüre plötzlich die Liebe meiner Frau die direkt mein Herz erreicht. Und ich denke: Die Liebe bleibt. Für immer.

[5. Mai 2024] Bei einem Besuch der Wilhelma in Stuttgart sehe ich bei den Flamingos und vor den Gewächshäusern zwei große alte Ginkgobäume mit ihren frischen grünen Blättern. Ich bin fasziniert davon, wie groß sie sind, sich in der Krone berühren und wie viele Blätter sie haben, unendlich viele. Ein Gedanke steigt sofort in mir auf: Ja so ist es: ein ganzer Baum voller Blätter. Das ist der Ort, wo meine Frau jetzt ist. Da wo sie ist, gibt es viele Ginkgoblätter, unendlich viele. Es ist der Ort, wo das Leben ist und die Zeichen für das Leben nie aufhören.
Und jedes mal wenn ich ein Ginkgoblatt auf dem Boden sehe, einen ganzen Baum oder einer Gruppe von Ginkgobäumen, dann schmunzle ich und denke an das Geheimnis, das sich mir darin erschließt.

[Nachgedanken:] Schon die Chinesische Philosophie und Heilkunde kennt die große Bedeutung des Ginkgos. Er wird dort seit langem als kraftspendend und lebensverlängernd verehrt. Geschätzt wird seine Lebenskraft und Wunderverheißung. Der Ginkgobaum wird deshalb als heilig angesehen und unter ihm bitten die Menschen um die Erfüllung ihrer Wünsche. Frauen bitten um Milch zum Stillen, Bauern erflehen Regen für die Ernte. Der Ginkgo findet sich deshalb in Mythen, Volkserzählungen und Geschichten immer wieder und steht in Japan unter Naturschutz. Dort gibt es riesige Ginkgobäume die oft tausende Jahre alt sind. Bäume mit einem Alter von 1000 bis 2000 Jahren sind keine Seltenheit. Eine besondere Geschichte wird von einem Ginkgobaum erzählt, der bei der Atombombenexplosion 1945 in Hiroshima in Flammen aufging, aber im Frühjahr 1956 wieder austrieb und weiterlebte. (nach Wikipedia https://de.wikipedia.org/wiki/Ginkgo)